Wandern auf dem Jakobsweg: von Köln nach Trier – 1. Teil

Nachdem es im Mai noch nicht mit dem Jakobsweg geklappt hat, ist es im Juli 2021 endlich soweit. Ich setze meine Pilgerwanderung von 2018 (Teil 1 und Teil 2) fort, indem ich in Köln starte und quer durch die Eifel nach Trier wandere, auf der „Via Coloniensis„. Diesmal ist die Strecke mehr als doppelt so lang, veranschlagt sind 231 Kilometer. Ich freue mich auf wunderschöne Landschaften, nette Begegnungen und viele Stempel für meinen wieder selbstgemachten Pilgerbrief! Und soviel sei schon verraten: dieses Mal treffe ich ehemalige, künftige und aktuelle Pilger.

(Die Kilometerangaben beinhalten jeweils die eigentliche Etappe zuzüglich Wege zur und von der Unterkunft, wenn sie nicht direkt am Weg lag, sowie notwendige Umwege. Auch die Karten bei outdooractive bilden meine tatsächlich begangene Route ab, bis auf zwei kleine Ausnahmen.)

Samstag, 3. Juli 2021

von Köln nach Brühl, 19,5 Kilometer

Der Tag beginnt um halb sechs, per Bus und Bahn reise ich umweltschonend nach Köln. Meine liebste Kathedrale begrüßt mich in strahlendem Sonnenschein. Eigentlich hätte ich im Dom gerne eine Kerze angezündet, aber die Besucherschlange vor dem Westportal ist nicht gerade kurz (liegt wohl an den regulierten Besucherzahlen wegen Corona) und ich habe ja heute noch ein bisschen was vor. So führt der erste Weg ins Domforum, wo ich mir den offiziellen Pilgerpass für die Stecke Köln-Trier aushändigen lasse und die ersten beiden Stempel erhalte. Die 2018 hier erworbene echte Pilgermuschel ist natürlich längst an meinem Rucksack befestigt. Auch die damals gekaufte Kette mit dem Tau-Kreuz trage ich um den Hals. Auf der Südseite des Doms, auf dem Roncalliplatz, setze ich nahtlos den Weg von vor drei Jahren fort und gehe in südlicher Richtung durch die Stadt. Der Rucksack ist sehr schwer, habe ich doch mal wieder zuviel eingepackt? Allein die Wasservorräte machen fast vier Kilo aus. Mit meinen dicken Bergsteiger-Wanderschuhen trampele ich über die Bürgersteige, immer der alten römischen Agrippastraße folgend, die auch heute noch die Hauptausfallstraße nach Süden ist. Unterwegs gibt es Reste der römischen Wasserversorgung zu bestaunen, die auf dem Römerkanal-Wanderweg auch komplett erkundet werden können.

Für die Wasserversorgung der römischen Kolonie „Colonia Claudia Ara Agrippinensium“ – dem heutigen Köln – wurde eine gut 100 Kilometer lange Wasserleitung vom heutigen Nettersheim in der Eifel bis ins Zentrum der römischen civitas angelegt. Über Aquädukte und durch unterirdische Kanäle wurde das frische kalte Quellwasser mit einem stetigen Gefälle befördert und speiste die Thermen und die öffentlichen Brunnen.

Einmal spricht mich eine ältere Passantin an, ich sei aber mutig, mit so viel Gepäck. Ich schmunzele und schildere ihr kurz mein Vorhaben. Daraufhin wünscht sie mir einen guten Weg. Danke! In Efferen führt der Weg durch einen wunderschönen Park, den ich für die Mittagspause nutze. Ich mache es mir unter dem Blätterdach einer Bruchweide auf der Wiese gemütlich. Nun folgen Wegabschnitte durch Felder, Wiesen und kleinere Orte. Von hier bietet sich ein schöner Ausblick über die Rheinmetropole mit ihrem alles überragenden Dom. Hinter einem Hof mit Brauerei spricht mich ein Gassigänger an und wünscht mir „Buen Camino“ (spanisch für „Guten Weg“). Wir kommen kurz ins Gespräch, er selbst ist bzw. war auch Pilger, er hat die letzten 650 Kilometer auf dem Camino Francès mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Der Camino Francès (spanisch für „französischer Weg“) ist einer von drei Jakobspilgerwegen durch Nordspanien und war im Mittelalter die Hauptroute für die französischen Pilger. Auch heute ist er immer noch der „klassische“ Jakobsweg, den die meisten Pilger wählen. Er führt von St-Jean-Pied-de-Port am Fuße der französischen Pyrenäen über Burgos nach Santiago de Compostela und ist gut 800 Kilometer lang.

Nun geht es hauptsächlich durch Wohngebiete. So langsam wünsche ich mir, endlich anzukommen. Eine Kirche am Ortsrand von Brühl ist leider verschlossen, also kein Stempel. Durch Straßen mit teils schönen Häusern aus der Zeit um 1900 geht es in die Innenstadt von Brühl. Die Kirche St. Margareta ist geöffnet und so zünde ich hier eine Kerze an, um den Beistand höherer Mächte für meine Reise zu erbitten – wer auch immer sich da angesprochen fühlt. 😉 Einen Pilgerstempel finde ich leider nicht. Anschließend gehe ich zum Schloss Augustusburg und sehe mir den schönen Barockgarten an. Das Schloss selbst habe ich schon vor einigen Jahren einmal besichtigt.

Das Schloss Augustusburg in Brühl war die Residenz der Kölner Erzbischöfe – es spricht für die Macht der Kölner Bürger, dass ihr Erzbischof nicht von Köln aus schalten und walten durfte. Im 18. Jahrhundert erbaut, birgt das Schloss ein wunderschönes Treppenhaus, das von dem großen Barockkünstler Balthasar Neumann gestaltet wurde. Jener zeichnete auch verantwortlich für die Gestaltung der Würzburger Residenz. Seit 1984 gehört Schloss Augustusburg zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Im Park treffe ich auf einen jungen Mann, der mich fragt, ob ich Pilgerin bin. Er selbst möchte auch bald pilgern, von Trier nach Metz. Aktuell macht er mehrere Tageswanderungen, um zu trainieren. Er hat auf seinem Pilgerstab das Tau-Kreuz eingeschnitzt – das gleiche Symbol, das ich am Hals trage, weshalb er mich als Pilgerin erkannt hat. Wir wünschen uns gegenseitig für unsere Pilgerschaft „Buen Camino„. Wow, erster Tag und schon einen ehemaligen und einen künftigen Pilger getroffen!

Jetzt geht’s zum Campingplatz am Heider See. Ich habe mir vor Kurzem ein Ultraleichtzelt gekauft, um noch flexibler in Sachen Schlafplatz zu sein. Ich habe natürlich vorab schon ein bisschen nach Unterkünften recherchiert, aber dieses Mal nichts vorgebucht. So bin ich vollkommen frei in der Etappeneinteilung. In Brühl habe ich den Campingplatz bewusst ausgewählt, das Zelt muss ja eingeweiht werden. Wenige Meter vor der Rezeption brechen die himmlischen Dämme und es kommt ein kräftiger Regenschauer runter. Also gleich die perfekte Bewährungsprobe, Zelt aufbauen im Regen. Es steht ratzfatz, aber ich bin natürlich trotzdem komplett durchnässt. Für das Zelt benötige ich nur einen meiner Wanderstöcke und sechs Heringe. Trotzdem ist recht viel Platz im Inneren. Muss auch, irgendwo muss ja schließlich das Gepäck unterkommen. Ich lege mich erstmal ein Weilchen auf meine neue Isoluma und schlafe fast ein.

Auf Kochen habe ich heute wenig Lust, obwohl ich Campingkocher und Trekkingmahlzeiten dabei habe. Stattdessen gehe ich ins „Strandhaus“ am Platz, wo ich nicht einmal einen Corona-Test vorzeigen muss. Aktuell sind die Vorgaben in Teilbereichen etwas gelockert. Ich lasse mir einen Flammkuchen schmecken. Dann geht es früh ins Bett, war ein anstrengender Tag, quasi von Null auf Hundert in zwölf Stunden.

Restaurant Strandhaus
Heider Bergsee 1b
50321 Brühl

In einer Mischung aus Maritim und Shabby Chic eingerichtet, bietet es eine übersichtliche Karte mit guter Auswahl. Bei Sportevents laufen die Fernseher, ansonsten ist es sehr gemütlich.

Übernachtung:
Camping Heider Bergsee
Heider Bergsee
50321 Brühl
GPS: 50°49’47.0″N 6°52’34.0″E oder 50.829724, 6.876123
Website
Preis: 12,50 €

Ein schöner Campingplatz am See, die Zeltwiese ist direkt am Strand. Die Sanitärhäuser sind großzügig und sauber. Durch Strandbadbetrieb ist tagsüber etwas mehr los.

Sonntag, 4. Juli 2021

von Brühl nach Weilerswist, 16 Kilometer

Die Vögel zwitschern mich aus dem Schlaf. Ich habe hervorragend geschlafen, die Isoluma ist erstaunlich bequem! Die Sonne begrüßt mich und ich mache mir mein Frühstück auf dem neuen Mini-Gaskocher, es gibt Tee und Porridge, das einfach mit heißem Wasser angerührt wird. Draußen frühstücken ist einfach was Besonderes! Dann wird gespült und das große Packen beginnt. Alles war jetzt einmal ausgepackt und muss wieder in den Rucksack hinein. Aber das klappt anstandslos, nun ist Buddy wieder prall gefüllt und ich schwinge ihn mir auf den Rücken. Um halb zehn geht es zurück in die Innenstadt von Brühl. In der Kirche bekomme ich leider keinen Pilgerstempel, aber im Ortsteil Badorf habe ich noch eine Chance, wie man mir in der Sakristei auf Nachfrage mitteilt. Ich möchte zumindest von jedem Ort, wo ich übernachtet habe, einen Stempel im Pass haben.

Nun geht es in südlicher Richtung weiter, hauptsächlich durch Wohnbebauung. Nach einem Stück an einer Bahnlinie entlang treffe ich in einer ruhigen Anliegerstraße auf eine wunderschöne langhaarige Katze mit leuchtend blauen Augen, die sehr zutraulich ist. Ich knie mich hin, um sie zu streicheln. Mit dem schweren Rucksack ist das allerdings eine ziemlich blöde Idee, meine Füße fangen schnell an zu kribbeln und dann muss ich meine Knie beim Hochkommen ziemlich quälen. Memo an mich: mit Rucksack nicht mehr hinknien! In Brühl-Badorf liegt die Kirche St. Pantaleon am Weg, dort ist gerade Gottesdienst. Da ich aber schon weiß, dass der Stempel im Vorraum zu finden ist, schlüpfe ich leise hinein, setze den Stempel auf Pilgerpass und -brief und bin schon wieder draußen. Auf dem weiteren Weg machen meine Füße mir schwer zu schaffen, meine Fersen brennen wie Feuer. Mein Buddy leidet eindeutig an Übergewicht und ich folglich mit ihm.

An einem Privathaus komme ich an einer weiteren Stempelstelle vorbei, alles ist hübsch dekoriert mit Pilgermuscheln und Wanderzubehör sowie einem Schild, das nach Santiago di Compostela zeigt: juhu, es sind nur noch 2.486 Kilometer! Ich bin fast schon da. 😀 In Eckdorf entdecke ich drei Kinder im Alter von ungefähr zehn Jahren. Sie haben auf dem Bürgersteig einen hübsch dekorierten Limonadenstand eröffnet und erkennen gleich die durstige Kundin in mir, einer der Jungen startet umgehend die Akquise und spricht mich an. Gerne lasse ich mir gegen ein paar klingende Münzen einen Becher von der selbst gemachten, reichlich süßen Zitronenlimonade kredenzen. Leider fängt es just in dem Moment an zu tröpfeln, also schließt der Limonadenstand seine Pforten und ich mache mich wetterfest, um weiterzuziehen. Ich wünsche den Jungunternehmern weiterhin gute Geschäfte.

Weiter geht es durch Walberberg, am Hexenturm vorbei und dann kommt endlich mal wieder ein Wegstück durch Wald. Hier kann ich zur Unterstützung die Stöcke zum Einsatz bringen. Ich hatte vorab von einer Schutzhütte gelesen, wo ich meine Mittagsrast einlegen will. Eigentlich sollte die mal langsam kommen. Am Swister Turm angekommen, entdecke ich auch die Hütte – ich bin schon fast am Ziel in Weilerswist angekommen. Unter dem Vordach der Hütte bereite ich mir auf dem Gaskocher eine Trekkingmahlzeit zu. Während das Wasser heiß wird, buche ich meine heutige Unterkunft. Es kostet mehrere Anrufe und etwas Geduld, aber schließlich ergattere ich doch ein Einzelzimmer im Hotel „Zum Schwan“. Dann esse ich das leckere Couscous aus der Tüte. Zum Schluss gucke ich mir doch mal meine Füße an, die Schmerzen sind echt nicht ohne – na super, an beiden Fersen riesige Blasen! Nach einer ersten notdürftigen Versorgung geht es weiter, am Swister Türmchen vorbei und hinunter in den Ort.

Das Swister Türmchen ist der Rest einer Wallfahrtskirche, die einst neben einer Siedlung namens Swist auf dem Berg oberhalb von Weilerswist stand. Der Ort wurde irgendwann aufgegeben und der neue Weiler Swist unten im Tal gegründet. Das Türmchen ist von hübschen Kopflindenalleen umstanden und bietet eine schöne Aussicht.

Leider zieht schon wieder Regen auf und wächst sich zu einem kleinen Unwetter aus. Unter einem Bahnviadukt suche ich Schutz vor dem Nass von oben, genauso wie ein Mann mit seinem Hund. Nach ein paar Minuten fährt ein Auto vorbei, durch eine Pfütze, und – platsch! Eine riesige Fontäne ergießt sich über den Mann, seinen Hund und mich, mitten ins Gesicht und überall sonst hin wird uns die Pfütze geschleudert. Danke auch! 🙁 Nun ist es auch egal, wir sind eh klitschnass, also wird der Weg fortgesetzt. Herrchen und Hund machen sich im Laufschritt davon. Ich gehe strammen Schrittes und erreiche Weilerswist. Das Hotel ist schnell gefunden, aber noch ist die Rezeption zu. Ich muss Zeit schinden. Also laufe ich etwas umher und kehre dann in einer Eisdiele ein, wo ich mir einen heißen Latte Macchiato schmecken lasse. Komisch, kaum was los hier. Will niemand Eis essen bei dem schönen Regen? 😉

Um 16 Uhr kann ich im Hotel einchecken und beziehe mein Zimmer in einem separaten Gebäude. Klein, aber sehr fein. Jetzt tut eine heiße Dusche so richtig gut! Anschließend kümme ich mich um meine Unterkunft für morgen, ein Experiment: auf der Plattform 1nitetent bieten Privatleute ihre Wiese für eine Nacht zum Zelten an, manchmal sogar mit kleinen Extras, und das völlig kostenlos. Wie Couchsurfing, nur auf der Wiese – also Meadowsurfing. 😉 In Euskirchen bietet eine Familie ihren Garten an und auf meine telefonische Nachfrage steht er für morgen auch zur Verfügung. Super! Bin sehr gespannt auf diese Übernachtung.

Zum heutigen Abendessen gehe ich in ein spanisches Restaurant – bin ja schließlich auf dem Weg nach Santiago 😉 – und lasse mir einen bunten Tapas-Teller schmecken. Am Nebentisch entdecke ich eine Deko, die wie die Faust auf’s Auge passt: „Der Weg ist das Ziel“. Naja, hier kommen sicherlich öfters Pilger vorbei, da liegt es nahe, eine solche Deko hinzustellen.

Restaurant „El Rancho“
Kölner Str. 78
53919 Weilerswist
Website

Gemütliches Ambiente, wo es auch mit vielen Gästen nicht extrem laut wird. Leckere Tapas, Bedienung nett und aufmerksam.

Übernachtung:
Hotel „Zum Schwan“
Kölner Str. 99-101
53919 Weilerswist
Website
Preis: 75,90 € Ü/F im Einzelzimmer

Die Zimmer sind hell und nett eingerichtet, alles ist sauber. Das Frühstück wird im alten Fachwerkhaus eingenommen, dementsprechend uriges Ambiente. Die Auswahl beim Frühstück ist gut, auf Wunsch kann das ein oder andere zusätzlich kredenzt werden.

Montag, 5. Juli 2021

von Weilerswist nach Euskirchen, 14,9 Kilometer

Zum Frühstücken gehe ich wenige Meter die Straße runter zum Altbau des Hotels „Zum Schwan“. Ich bin um diese Zeit der einzige Gast und werde dementsprechend gut umsorgt. Der Inhaber erzählt mir außerdem von seinen Erfahrungen mit Pilgern, z.B. dass manche sich fast zu Tode schleppen mit ihrem Gepäck. Einer habe mal hier seinen Rucksack geleert und dem Wirt zum Dank die Sachen dagelassen – dabei waren angeblich kiloweise Konservendosen. Dann erzählt er noch, dass es wohl eine Faustregel unter Pilgern gibt: maximal 12 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken und maximal 20 Kilometer pro Tag laufen. Das eine habe ich schon überschritten, das andere werde ich noch überschreiten. Da habe ich wohl noch Optimierungspotenzial. 🙂

Da ich aktuell nur noch humpeln kann, gehe ich schnell zur Apotheke und hole mir Material zur Wundversorgung für meine geschundenen Füße. Zurück im Zimmer verarzte ich mich selbst so gut es geht und packe dann meine Siebensachen. Beim Bäcker lasse ich mir ein Brötchen frisch belegen und direkt in meine Lunchbox packen – das spart Gewicht und Verpackungsmüll. Leider ist in der Kirche St. Mauritius kein Pilgerstempel zu finden und im Pfarramt ist auch niemand. Schade, also kein Stempel.

Nun geht es auf zur dritten Etappe, kurz vor Verlassen des Ortes treffe ich auf eine ältere Dame und sage ihr „Guten Morgen“, wie man das nunmal höflicherweise so tut. Sie antwortet nicht einfach nur in gleicher Weise, nein! „Ich wünsche Ihnen einen guten Weg und trockenes Wetter, alles andere kriegen Sie hin!“ Ich bin total überrascht und bedanke mich freudestrahlend, dann gehen wir wieder jeder unserer Wege. DAS sind die Momente, in denen das Pilgern seinen ganz besonderen Zauber zum Vorschein bringt! Es sind die Menschen, die einfach so ein paar nette oder motivierende Worte für eine Fremde parat haben.

Mein Weg führt mich nun immer an der Erft entlang, die rechts neben mir fließt. Links wechseln sich Felder, Wiesen und Streuobstwiesen ab. Im hohen Ufergras entdecke ich leuchtendblaue Libellen. Der Weg ist häufig ganz schmal, ab und zu breiter, manchmal geht es auch über Asphalt. Meine Fersen schmerzen inzwischen extrem, aber während des Laufens tut es weniger weh, als wenn ich stehenbleibe. Die Mittagsrast verbringe ich auf einer Bank sitzend. Das Wetter ist heute bedeckt und immer mal wieder regnet es leicht. Unterwegs finde ich Hinweise auf Pilgerunterkünfte in Euskirchen, aber mein Gartenplätzchen ist ja schon gebucht. Nach einer kurzen Mittagpause quäle ich mich weiter, dann habe ich endlich den Stadtrand von Euskirchen erreicht. Der Asphalt und meine dicken Wanderschuhe sind eine denkbar schlechte Kombination.

Im Zentrum von Euskirchen steuere ich direkt auf die Kirche St. Martin zu, wo meine Stempeljagd mir endlich wieder eine Trophäe einbringt! Dann gehe ich ins „Café Paris“ und lasse mir Kaffee und Waffeln schmecken. Anschließend suche ich einen Intersport-Laden auf, ich will mal schauen, ob ich dort besser gepolsterte Einlegesohlen bekomme. Trotz umfassender Beratung werde ich nicht fündig. Aber die Verkäuferinnen empfehlen mir ein Orthopädiefachgeschäft, vielleicht kann man mir da helfen. Einen Versuch ist es wert – dort werde ich auch gut beraten und kaufe Einleger, die eigentlich für Fersensporn gedacht sind. Das Probelaufen fühlt sich um Längen angenehmer an. Das könnte funktionieren, ich habe ja noch viel vor mir.

Nun ist es langsam Zeit, die Familie aufzusuchen, die mir bereitwillig ihren Garten zur Verfügung stellt. Familienvater Olaf begrüßt mich herzlich und zeigt mir alles. Ich muss nicht einmal mein Zelt aufbauen, sie haben eine hübsche Laube im Garten, mit Bett, Couch und Tisch sowie Beleuchtung und Strom. Außerdem kann ich durch die Terassentür auch ins Haus, um die Toilette zu benutzen. Wow, das ist ja richtig klasse! Ich finde es toll, dass es Menschen gibt, die mit völlig Fremden ihr Zuhause teilen. Ich verbringe einen gemütlichen Abend, koche mir ein Trekkingmeal und bekomme sogar noch Wassermelone und ein Radler von Olaf gebracht, mit dem ich mich auch eine ganze Weile sehr angeregt unterhalte. Zwischendurch sortiere ich nochmal den Inhalt meines Rucksacks und entscheide, ein paar Kleinigkeiten nach Hause zu schicken, die tatsächlich völlig überflüssig sind.

Recht früh lege ich mich schlafen, kann aber trotz des gemütlichen Bettes nur schlecht schlafen. Ist doch eine sehr ungewohnte Situation.

Übernachtung:
EU-City | 1nitetent

1nitetent finde ich eine tolle Idee! Es gibt inzwischen immer mehr Plattformen, wo man nach dem gleichen Prinzip ein Stückchen Wiese für eine Nacht bekommen kann. Wenn man offen für Neues und begierig auf nette Begegnungen ist, dann ist dies eine lohnenswerte (und vor allem günstige) Alternative zum Campingplatz.

Dienstag, 6. Juli 2021

von Euskirchen nach Bad Münstereifel, 16,9 Kilometer

Als ich am Morgen endlich mal halbwegs eingeschlafen bin, merke ich, wie etwas Großes auf das Bett hüpft – die beiden Familienhunde kümmern sich auch um den Gast und übernehmen das Weckkommando. Ich ziehe mir den Schlafsack über den Kopf, möchte mich doch lieber selber waschen als von einer Hundezunge abgeschleckt zu werden. Die Fellnasen deuten meinen lauten Protest richtig und kehren zu Frauchen in die Küche zurück. Ich bereite mir mein Frühstück zu und gehe später ins Haus, waschen, abspülen und den Wasservorrat auffüllen. Olaf versorgt mich mit der Wettervorhersage, die nicht berauschend aussieht, es soll regnen. Kein ideales Wanderwetter, aber ich muss es nunmal nehmen, wie es kommt. Nun packe ich alles zusammen und verabschiede mich, nicht ohne eine freiwillige Spende, die zunächst vehement abgelehnt wird und dann doch ins Sparschwein der Töchter wandert. 😉 Dann geht es wieder in die Innenstadt, zunächst versuche ich noch bei Kaufhof einen Regenponcho zu bekommen, was aber nicht von Erfolg gekrönt ist. Beim Bäcker hole ich wieder meine Brotzeit für mittags. Zuletzt noch zur Post, die aussortierten 500 Gramm in ein Päckchen packen und verschicken. Hört sich nicht wirklich nach viel an, aber es zählt tatsächlich jedes Gramm. Mit den Einlegesohlen läuft es sich nun auch viel besser.

Raus aus der Stadt, weiterhin an der Erft entlang. Der Weg führt durch hübsche Orte mit teils alten Häusern. Hinter Stoitzheim geht es bergauf in einen Wald, endlich mal wieder weicherer Boden unter den Füßen. Hier entdecke ich auch die praktische Abkürzung „Bad M’eifel“ für Bad Münstereifel. Das Schild für die Fahrradfahrer bot einfach nicht genug Platz für den vollen Ortsnamen. 😀 An der Hardtburg mache ich im Sonnenschein meine Mittagspause unter schönen Bäumen. Später folge ich der gelben Muschel wieder durch mehrere kleine Orte, besonders Arloff fällt mir auf. Der Ort erinnert mich irgendwie ein bisschen an Châtillon-sur-Seine im Burgund. Am Ortsrand steht eine uralte kleine Kapelle, die frisch restauriert aussieht, aber leider verschlossen ist. Am Ortsausgang dann ein selbstgemachtes Schild von Anwohnern für die Pilger mit dem Pilgergruß „suseya y ultreya!“ und dem Hinweis, dass 2021 ein Heiliges Jahr ist.

Der Gruß „suseya y ultreya!“ wurde wohl von Jakobspilgern früherer Zeiten als tatsächlicher Gruß beim Zusammentreffen benutzt. Der eine Pilger sagte „ultreya“ (das heißt soviel wie „immer weiter“) und der andere antwortete mit „et suseya“ (was soviel wie „und immer höher“ bedeutet). Heute wird von den meisten Pilgern das einfachere „Buen Camino“ verwendet – und zwar auf allen Jakobswegen, nicht nur in Spanien. Dabei kann „Buen Camino“ schlicht „Guten Weg“ bedeuten, aber auch „Guten Lebensweg“.

Wenn der Tag des Heiligen Jakobus, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt, dann ist es ein Heiliges Jahr in Santiago de Compostela. Für diesen Anlass wird die Heilige Pforte der Basilika geöffnet, die in allen anderen Jahren zugemauert ist.

Arloff hinter mir lassend wandere ich durch eine herrliche Landschaft, leicht hügelig, große Wiesen, hübsche Bäume. Und darüber ein blauer Himmel, mit Wattewölkchen verziert. Wirklich schön hier! Nur leider leiden meine Füße weiter. Die Einlegesohlen habe ich inzwischen heraus genommen, weil nun der Vorderfuß viel zu stark belastet ist. Während einer kurzen Verschnaufpause telefoniere ich mit dem Touristenbüro von Bad M’eifel wegen einer Unterkunft. Man nennt mir zwei Nummern, ich versuche es bei dem Hotel, das mitten im Zentrum liegt. Leider noch kein Erfolg. Weiter geht es über apshaltierte Feldwege und durch kleine Orte. In Iversheim ist die Kirche offen, die ich mir kurz ansehe. Ein Pilgerstempel ist leider nicht zu finden. Langsam nähere ich mich der „Outlet-City“, das Stadttor ist jetzt nicht mehr zu verfehlen.

Zufällig ist einer meiner Cousins auch gerade im Urlaub in der Eifel und er hatte heute ohnehin vor, in Bad Münstereifel zu shoppen. Wir haben uns vorab verabredet und gehen nun gemeinsam in ein Café und bummeln anschließend durch die wunderschöne Altstadt mit den vielen Outlet-Läden. Zwischendurch mache ich meine Übernachtung klar, es ist sogar ein kleines Appartment mit Küchenzeile und riesiger Couch. Für das Abendessen setzen wir uns an den Außentisch eines urigen Restaurants, reden ohne Unterlass und gucken Leute. Nachdem mein Cousin sich verabschiedet hat, gehe ich in mein Appartment. Beim Vorbereiten der morgigen Etappe wird mir angst und bange – wie soll ich knapp zwanzig Kilometer mit meinen so geschundenen Füßen schaffen?! Ich muss mir eingestehen, dass ich die falschen Schuhe anhabe, die eigentlich für alpines Gelände mit Schotter und Geröll gedacht sind und sehr schwer sind. Leider habe ich aktuell nur diese. Ich brauche leichtere Schuhe mit einer weicheren Sohle. Wie gut, dass ich in einer Outlet-City bin, morgen früh muss ich also erstmal shoppen gehen. 🙂

Hotel-Restaurant „Wolfsschlucht“
Orchheimer Str. 19
53902 Bad Münstereifel
Website

Sehr leckere Schnitzel, coole Sitzmöbel im Außenbereich. Die Bedienung war sehr aufmerksam und freundlich.

Übernachtung:
Grundwalds Apartement Hotel
Kettengasse 4
53902 Bad Münstereifel

Website
Preis: 56,00 € Ü/F
im Doppelzimmer zur Alleinnutzung

Zwar eine etwas altbackene Einrichtung, aber alles ordentlich und sauber. Sehr nette und flexible Gastgeberin. Die zentrale Lage in der Altstadt ist unschlagbar.

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