Wandern auf dem Jakobsweg: von Köln nach Trier – 4. Teil

Donnerstag, 15. Juli 2021

von Echternach nach Welschbillig, 17,9 Kilometer

Am Morgen dringen Sonnenstrahlen durch die Fensterläden, ich glaube schon fast, zu träumen. Ich sehe nach draußen und die Welt sieht tatsächlich wieder besser aus. Es ist locker bewölkt, die großen Pfützen, die gestern noch rund um das Gebäude zu sehen waren, sind kleiner geworden oder ganz verschwunden. Während des Frühstücks storniere ich mein gebuchtes Zugticket – ich gehe weiter. Auch die Wettervorhersage ist durchweg positiv zu werten.

Auf dem Weg in die Innenstadt von Echternach sehe ich die Folgen des gestrigen Tages: überall auf den Straßen und Wegen liegt dicker Schlamm, Unrat und Zweige sind über Straßen und Gehwege verteilt und in manchen Einfahrten liegen Sandsäcke. Die Echternacher lassen sich aber nicht unterkriegen und räumen bereits fleißig auf. Dennoch muss der eigentlich kleine Bach hier mit ziemlicher Gewalt durchgerauscht sein. In der Innenstadt sieht zunächst alles normal aus. Ich gehe in die Kirche St. Willibrord, wo ich eine Kerze anzünde. Die Kirche gefällt mir gut, in der Krypta gibt es sehr alte Fresken zu bewundern.

Echternach ist die älteste Stadt Luxemburgs und wurde durch die Römer gegründet. In der ehemaligen Klosterkirche ist der Heilige Willibrord beigesetzt, ein Missionar aus Britannien, der um 700 zum Bischof von Utrecht ernannt wurde. Auch sein Grab ist das Ziel von Wallfahrten. Die Kirche aus dem 11. Jahrhundert mit kleineren Änderungen des 13. Jahrhunderts ist weitgehend original erhalten. Die Krypta stammt noch aus dem 8. Jahrhundert.

Leider finde ich keinen Pilgerstempel, weshalb ich noch die Touristinfo aufsuche, die am Platz vor der beeindruckenden Kirche liegt. Hier könnte ich den Stempel erhalten, aber die Info ist ausnahmsweise geschlossen. Ich nehme an, wegen des Hochwassers. Einige Straßen sind doch ein wenig unter Wasser, was aber jenes aus den Kellern der Anwohner ist, das sie auf die Straße pumpen, wo es sich dann sammelt. Nun lenke ich meine Schritte Richtung Brücke über die Sauer – hier sieht es ganz anders aus. Die Sauer führt extrem viel schlammiges Wasser, ganze Baumstämme werden mitgerissen, unter den Brückenbögen ist kaum noch Luft. Ich bin sprachlos und aufgeregt. Erstmal über die Brücke. Der weitere Weg ist wieder unmöglich, da überflutet. Die Häuser in Echternachbrück auf deutscher Seite stehen unter Wasser. Mithilfe der Wander-App bastele ich mir eine Alternativroute auf höherem Terrain, um trotzdem weiterzukommen. Von weiter oben sieht das alles noch dramatischer aus. Auch der Campingplatz ist nicht mehr zu sehen, alles überspült.

Ich möchte dich gar nicht mit all den Details langweilen, sonst nimmt dieser Beitrag kein Ende – für mich war es natürlich ein sehr aufregender Tag, weil ich dem Wasser ausweichen musste. Dabei kletterte ich über Zäune, kämpfte mich durchs Unterholz und hatte Herzklopfen beim Überqueren einer Brücke über die Prüm, die für den Autoverkehr bereits gesperrt war. Bilder sagen mehr als Worte … So dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis ich in der Nähe von Menningen endlich wieder auf den Jakobsweg traf. Die erste Markierung ließ mich sehr erleichtert auf die Knie gehen. Ab da schien es, als gäbe es das Hochwasser nicht …

Der Weg führt über eine Ebene, die Jakobsmuscheln sind hier immer auf sehr hübschen Steinen angebracht. Am Wegesrand entdecke ich ein Corona-Denkmal, das erste dieser Art, das ich sehe. Ein Herr, der mit dem Auto seinen Hund hat Gassi gehen lassen, fragt, ob er mich mitnehmen kann, was ich aber dankend ablehne. So weit ist es ja gar nicht mehr. Kurze Zeit später gehe ich an einer schönen Streuobstwiese vorbei, wo alles summt und flattert.

Bisher habe ich allerdings noch keine Unterkunft und diesmal wird es eine Odyssee. In einer Metzgerei, an der ich zufällig vorbeikomme, frage ich die Verkäuferin nach einer Möglichkeit. Sie und eine hinzugekommene Kundin können mir zumindest vage Informationen geben. Angeblich bietet jemand in Möhn Zimmer an und dann wäre da noch eine gewisse Frau Dahm oben an der Hauptstraße, aber deren Etablissement würden sie nicht empfehlen. Das ist doch immerhin was. Als ich einen Bus entdecke, der nach Möhn fährt, steige ich kurzentschlossen ein. Im Ort angekommen finde ich nichts und frage eine Familie, die gerade die Nachmittagssonne genießt. Das Zimmerangebot ist eine Ferienwohnung, weshalb das wegfällt, außerdem ist sie eh belegt. Aber der Herr des Hauses kann mir die Nummer von Frau Dahm besorgen. Sie hat noch ein Zimmer frei und eine Freundin von ihr holt mich sogar ab. Ich danke der Familie sehr herzlich für ihre Hilfe!

Das Etablissement ist tatsächlich eine offizielle Pilgerherberge. Leider schon etwas in die Jahre gekommen, aber Frau Dahm ist sehr nett und äußerst bemüht. Ich bin froh, ein sauberes Zimmer gefunden zu haben. Abendessen bekomme ich auch hier, recht simpel, aber sättigend. Als ich im Zimmer mal die Nachrichten auf dem Handy checke, entdecke ich besorgte Fragen, ob bei mir alles in Ordnung sei. Ich bin kurz verwirrt – bis ich anfange, die Pressemeldungen zu lesen. Flutwelle an der Ahr, hunderte Vermisste, viele Tote. Jetzt wird mir wirklich anders. An Orten, wo ich vor Kurzem noch war, ist nichts mehr wie vorher. Pflastersteine von ganzen Straßenzügen wurden mitgerissen, Brücken beschädigt oder zerstört, alles voller Schlamm. Es ist unbegreiflich. Ich vermelde den Besorgten, dass bei mir alles okay ist. Beim Abendessen schaue ich zu dem im Gastraum laufenden Fernseher, dort läuft die Berichterstattung.

Für mich geht es trotzdem weiter. Auch wenn es sich sehr surreal anfühlt.

Übernachtung:
Gasthaus Dahm „Zur Windmühle“
Windmühle 16
54298 Welschbillig
GPS: 49.82881233738503, 6.564370814582207
Tel. 06506 8404
Preis: 43,50 € Halbpension im Einzelzimmer

Das Gasthaus existiert seit über 90 Jahren. Frau Dahm hat es von ihrer Mutter übernommen und ist selbst inzwischen ein älteres Semester, schmeißt den Laden aber immernoch allein. Man darf nicht zuviel erwarten, aber wenn man genügsam ist, ist das eine angemessene Unterkunft. Alles halt ein bisschen einfacher, aber mit viel Engagement. Einzig der typische Kneipen-Rauchgeruch im Gastraum hat mich gestört, obwohl nicht einmal aktiv geraucht wurde.

Freitag, 16. Juli 2021

von Welschbillig nach Trier, 20,1 Kilometer

Frau Dahm hat mir eine nette kleine Auswahl zusammen mit frisch aufgebackenen Brötchen fürs Frühstück bereit gestellt. Wir unterhalten uns über die Hochwasserlage, während an der Herberge ein Einsatzfahrzeug nach dem anderen vorbeifährt (hier verläuft eine der Hauptstraßen von Trier ins Herz der Eifel). THW, Feuerwehr, Krankenwagen. Und teils von weit her, wenn man sich die Kennzeichen anschaut.

Ich trete heute die letzte Etappe an. Zunächst gehe ich durch die Felder runter nach Möhn, man kann schön die Streuobstwiesen rund um den Ort sehen. In der kleinen Kirche gibt es einen kleinen Stempel für meinen Pilgerbrief. In Butzweiler auch, dort zünde ich eine Kerze für die vom Hochwasser betroffenen Menschen in ganz Deutschland an. Denn auch zuhause im Sauerland hat es manche Orte an der Lenne hart getroffen, z.B. Altena.

Heute ist das Wetter eher bedeckt, aber immerhin trocken. So ist das Laufen sehr angenehm, es geht wie immer durch Felder, Wiesen und Wälder. Hinter dem Ort Lorich durchquere ich einen hübschen Laubwald mit eingestreuten Felsen, eine kleine Entschädigung für das Ferschweiler Plateau? So komme ich ins Tal der Biewer, die zwar auch gut Wasser geführt hat, aber auch hier gibt es keine dramatischen Beschädigungen. Auf einem Waldweg liegt eine Fichte quer über dem Weg und ihre Äste verhindern, dass ich einfach drunter her gehen kann. Also wird kurzerhand das Taschenmesser gezückt, die Säge aufgeklappt und zwei daumendicke Äste abgesägt, schon ist der Weg frei. Kurz darauf mache ich auf einer Bank eine Pause und koche mir Porridge, mir ist nach was Warmem. Ist schon praktisch, wenn man stets einen Kocher dabei hat.

Die Biewer mündet in die Mosel, nun ist es nicht mehr weit bis zum Ziel. Allerdings muss ich nochmal ausweichen: der Fußweg am Moselufer ist im Fluss verschwunden. So komme ich in den Genuss, das letzte Stück auf dem „Moselcamino“ zurückzulegen, der über Buntsandsteinfelsen führt.

Der Moselcamino ist der Jakobsweg von Koblenz bis Trier und hat ein etwas anderes Symbol als Markierung. Das Zeichen ist mir wohlvertraut, habe ich es doch schon des öfteren auf meinen Wanderungen an der Mosel gesehen.

Das bedeutet also auch einen heftigen Anstieg. Vom Rennen im Tief Bernd schmerzt mein Oberschenkelmuskel ganz gehörig und dies hier gibt ihm den Rest. Obwohl der Weg und die Aussicht wunderschön sind – man kann schon Dom, Konstantinsbasilika und Porta Nigra im Stadtbild ausmachen. Das finden auch vier andere Pilger, die von Koblenz aus den Moselcamino gegangen sind und die ich auf Waldsofas sitzend antreffe und mich mit ihnen unterhalte. Sie gehen immer mal wieder Jakobswege, überall in Europa, einfach so, nicht um in Santiago anzukommen. Nach dem obligatorischen Buen Camino geht’s weiter.

Mit stark schmerzendem Bein erreiche ich die Kaiser-Wilhelm-Brücke und überquere die Mosel. Durch ein Wohngebiet und einen Park und schon habe ich die Porta Nigra erreicht. Glücksgefühle wallen hoch – geschafft! Trotz zuletzt widriger Umstände. Aber noch bin ich nicht ganz am Ziel, durch die Altstadt und über den Marktplatz gelange ich zum Dom von Trier. Hier ist mein offizielles Pilgerziel für dieses Jahr nun endlich erreicht. Die Ankunft ist mitnichten so emotional wie 2018 in Köln, aber auch jetzt lasse ich den Weg gedanklich Revue passieren und bin ein bisschen stolz auf meine Leistung. Nachdem ich im Dom zum Dank für die gesunde Ankunft eine Kerze angezündet und mir endlich mal den Kreuzgang der Bischofskirche angesehen habe, gehe ich gegenüber ins Domforum, um mir den letzten Stempel abzuholen.

Die Dame überrascht mich dann mit dem Angebot, eine Pilgerurkunde zu bekommen. Dafür muss ich nur ein Formular ausfüllen und angeben, welche Route ich genommen habe. Mein Pilgerpass ist mit seinen Stempeln ja der Beweis, dass ich die Tour gemacht habe. So habe ich ein weiteres schönes Erinnerungsstück. Ich sage immer „nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub“, also ist auch nach der Pilgerreise vor der Pilgerreise. Demgemäß ist es nur folgerichtig, dass ich mir direkt den Wanderführer für die Route von Trier nach Le Puy kaufe. 😀 2022 geht es weiter!

Nachdem ich in einem hübschen kleinen Kaffeehaus am Markt eine süße Verführung genossen habe, mache ich mich auf den Weg zur Jugendherberge am Moselufer. Hier buche ich das Abendessen nach, meine unteren Extremitäten möchten nicht mehr zurück in die Stadt. Das Zimmer in der dritten Etage erreiche ich ausnahmsweise per Aufzug, sonst bin ich ja überzeugter Treppenläufer. Kurz frischmachen und dann kann ich schon zum Essen runterfahren.

Glücklicherweise ist die Bahnstrecke an der Mosel frei und auch die Gleise auf dem rechten Rheinufer sind nicht beeinträchtigt. So kann ich für morgen mein Zugticket auf der kürzesten Strecke buchen. Heute falle ich wieder hundemüde ins Bett.

Übernachtung:
Römerstadt-Jugendherberge
An der Jugendherberge 4
54292 Trier
Website
Preis: 48,43 € Halbpension im Dreier-Zimmer zur Alleinnutzung

Die Jugendherberge liegt direkt am Moselufer und man erreicht innerhalb von ca. einer halben Stunde zu Fuß die Porta Nigra. Im Laufe der Zeit wurde die JH erweitert und erhielt u.a. einen neuen, hellen Eingangsbereich. Das Essen ist lecker und bietet reichlich Auswahl. Diese JH fiel mir vor allem durch ihre tolle Inklusionsarbeit auf, in allen Bereichen arbeiten Behinderte und Nicht-Behinderte zusammen.

Samstag, 17. Juli 2021

von Trier nach Altenhof per Zug und Bus

Eine Nacht hat Füßen und Beinen noch nicht gereicht, ich humpele kaum weniger als gestern. 🙂 Aber jetzt muss ich ja auch keine Höchstleistungen mehr erbringen. Nach einem ausgiebigen Frühstück verlasse ich die Jugendherberge und gehe wieder in die Stadt. Ich habe genug Zeit, um mir die Sehenswürdigkeiten anzusehen, wie die Konstantinsbasilika (leider diesmal nur von außen), das erzbischöfliche Palais nebenan und die Thermen (auch nur von außen, für mehr ist es doch zuwenig Zeit).

Trier ist die älteste Stadt Deutschlands, gegründet von den Römern im Gebiet des keltischen Stammes der Treverer im Jahr 16 vor Christus. Die Porta Nigra ist das besterhaltene Stadttor der antiken Welt. Der Dom basiert auf einem Kirchenbau, der vom römischen Kaiser Konstantin in Auftrag gegeben wurde. Er beherbergt ein weiteres angebliches Kleidungsstück von Jesus, den sogenannten „Heiligen Rock“. Diese Reliquie wird nur an wenigen Tagen im Jahr öffentlich gezeigt.

In einem Sportladen versuche ich nochmal einen Poncho zu bekommen. Das gelingt zwar wieder nicht, aber dafür führe ich ein sehr interessantes Gespräch mit der Verkäuferin. Sie fragt mich regelrecht übers Pilgern aus, sie wird nämlich in Kürze auch damit starten – von Trier nach Metz. Eine tolle Begegnung! Kurz vorm Marktplatz spricht mich dann ein – ja, ein was eigentlich? Bettler ist er nicht, obwohl er so aussieht. Er fragt mich, ob ich den Jakobsweg gehe und als ich bejahe, erzählt er, dass er in acht Monaten von Hamburg nach Santiago in einem durch gelaufen ist und sich jetzt mit dem Fahrrad auf dem Rückweg befindet. Wow, davor ziehe ich den Hut! Stramme Leistung! Man wünscht sich alles Gute und – natürlich – Buen Camino!

Jetzt wird es aber Zeit für die Heimreise. Mit dem Zug von Trier an der Mosel entlang nach Koblenz. Das Hochwasser hat hier teilweise Straßen überflutet, aber sonst scheinen die Moselaner glimpflich davon gekommen zu sein. Von Koblenz fährt der Zug den Rhein hinauf bis Troisdorf und dann geht es an der Sieg entlang nach Siegen. Dort Umstieg in den Bus und von Kreuztal mit dem Ruftaxi zurück nach Hause.

Gut 240 Kilometer habe ich dieses Mal hinter mich gebracht. Die Eifel gefällt mir immer wieder aufs Neue, die Landschaften sind so schön und die Leute dort sind nett, sehr hilfsbereit und äußerst kreativ. Die Begegnungen mit den verschiedenen Pilgern fand ich sehr bereichernd.

Dass ich oftmals mit dem Wetter Pech hatte, konnte ich leider nicht ändern. Inzwischen habe ich einen geeigneten Poncho gekauft, der auch schon eingeweiht wurde, allerdings noch nicht mit großem Marschgepäck. Ich bin äußerst dankbar, dass ich von den schlimmsten Auswirkungen des Unwetters vom 14./15. Juli nicht betroffen war. Aber ich musste immer wieder an die Menschen in den verschiedenen Orten denken, durch die ich gelaufen bin und wo von einem Tag auf den anderen alles anders war.

Im Sommer 2022 geht es dann also weiter ab Trier, das Ziel steht noch nicht fest. Denn bis Le Puy sind es weit über 800 Kilometer, das schaffe ich nicht in einem zweiwöchigen Urlaub. 😀

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